Abschied und Ankommen

Berlin Alexanderplatz
Berlin Alexanderplatz

Abschied

Die genähten Puppen in diesem Jahr lassen sich an einer Hand abzählen. Ich hatte den Kopf und die Hände nicht frei dafür, denn es stand ein großer Umzug an. Damit meine ich weniger die Fülle des Umzugswagens (der war recht klein), sondern vielmehr den emotionalen Schritt von der Großstadt in das Landleben auf einen alten Bauernhof nahe an der Grenze zu Polen und Tschechien. Es ist ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich wusste, dass ich die multikulturelle bunte Vielfalt Berlins vermissen würde, den kleinen Bioladen um die Ecke, unseren "wunderschönen, verwunschenen Garten mitten in Berlin" (O-Ton Laura), unseren Stadtsee, unseren Stadtfuchs, unseren Stadtigel, die Straßenmusiker, Hofflohmärkte, Kunstausstellungen, Hinterhauskonzerte, die Schule unserer Tochter, liebe Freunde, Nachbarn und  Kolleginnen, und, und, und. Aber auch das anstrengende Berlin bleibt hinter uns: Luftverschmutzung, Lärm, Gentrifizierung und Segregation. "Beziehungsstatus: kompliziert. Über Berlin und mich" schrieb Taina von >Was mit B< vor einiger Zeit . Ein bisschen geht es mir auch so... oder so wie Svenja es beschreibt : "Wir alle sind sehr beschäftigt, haben irgendein Projekt, eine Präsi am Montag und retten am Dienstag die Welt. Berlin, du bist die Stadt der Träume und Hoffnung, nur scheinen sie abends nicht mehr ganz so hell [...] Jetzt heißt es Abschied nehmen von dir, meiner Hassliebe. Ich kann es kaum erwarten dich wieder zu sehen".

Ankommen

Vor 2 Jahren haben wir ihn gefunden (oder er uns?): Einen Hof mit einem wunderschönen Umgebindehaus, Garten und einem antiken Kaufmannsladen (nicht für Kinder, sondern für Große!), erbaut im Jahr 1870 auf den Resten eines alten Hauses mit einem Gewölbekeller aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Vorher lebte eine alte Dame ganz alleine hier. Wie sie den Hof und ihren Tante-Emma-Laden mit ihren fast 90 Jahren gemanaget hatte, ist mir schleierhaft, gehören doch schließlich Nebengebäude und ein fast halber Hektar Land dazu. Uns ist schon jetzt klar: Das ist für uns kaum zu schaffen! Etliche Restaurierungen der alten Bausubstanz aus Holz, Lehm und Stein stehen an, in die wir so wenig wie möglich eingreifen wollen. Die To-Do-Liste füllt sich, aber wir kürzen sie immer wieder zugunsten des Pragmatismus. Wir haben Zeit. Und wir können bescheiden leben. Tatsächlich haben wir nur wenige mit Öfen beheizbare Zimmer. Aber die im Haus verbliebenen fast schon antiken Federbetten warten bereits frisch gereinigt und fluffig duftend auf den Einsatz im Winter.

Wir haben jetzt zwar keinen Stadtfuchs mehr, aber dafür einen Dorffuchs... und einen Dorfigel... und Wölfe. Und sogar Internet. ;) Ich bin also nicht aus der Welt! Und die Welt kann man auch vom Lande aus retten... Bis bald! Seid herzlich gegrüßt, Anita.